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„Eine einzigartige Gelegenheit zur Wiederaufladung der eigenen Batterien für den europäischen Gedanken“

Dr. Jürgen Pansegrau, Teilnehmer der Reise       

Kreisau-Reise 2022 – ein Bericht

Nach einer mehr als zweijährigen, corona-bedingten Pause, konnte die lang ersehnte Kreisau-Reise in diesem Jahr wieder stattfinden. Neben der Freude auf das Wiedersehen und Neu-Entdecken, stand die diesjährige Reise ganz unter dem Eindruck des Krieges gegen die Ukraine. Einen besonderen Schwerpunkt bildete dabei die polnische Perspektive auf den Krieg. Etwas mehr als 30 TeilnehmerInnen sowie das Team der Freya von Moltke-Stiftung traten am 23. Juni die Reise nach Krzyżowa an.

Auftaktveranstaltung der Reise war das Gespräch im Berghaus zwischen Helmuth Caspar von Moltke und Sabine Reichwein. 80 Jahre nachdem das erste Treffen des Kreisauer Kreises im Berghaus stattgefunden hatte, teilten die Nachfahren der WiderstandskämpferInnen in diesem historischen Ort ihre Erinnerungen. Besonders eindrücklich schilderten sie, wie ihre eigene Biographie durch das Aufwachsen als Kinder von WiderstandskämpferInnen gezeichnet worden war.

Der Krieg gegen die Ukraine bildete den thematischen Schwerpunkt des Programms. In zwei thematischen Blöcken wurden den Reise-TeilnehmerInnen die lokalen und nationalen Perspektiven auf den Krieg näher gebracht. Wenige Tage nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar, öffnete die Stiftung Kreisau bereits ihre Tore für Geflüchtete aus der Ukraine. Nun haben knapp 100 Personen in Kreisau einen sicheren Zufluchtsort gefunden. Anita Kończewska, Koordinatorin der Kreisauer Ukraine-Hilfe, gab den Reise-TeilnehmerInnen einen persönlichen Einblick in die aktuelle Lage und die Aktivitäten der Stiftung vor Ort. Sie bedankte sich dabei für die große Unterstützung der vielen Spenderinnen und Spender, die die Kreisauer Hilfeaktion überhaupt möglich gemacht haben und die sie weiterhin unterstützen. Bartek Ostrowski, Vize-Präsident der European Association for Local Democracy, und Dr. habil. Robert Żurek, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Kreisau, weiteten im Anschluss den Blick auf die (inter-)nationale Ebene. Sie diskutierten die polnischen Perspektiven auf den Krieg sowie den Umgang Deutschlands mit dem Krieg in der Ukraine. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion, entwickelte sich ein angeregtes Gespräch zwischen den Podiumsgästen und den TeilnehmerInnen der Reise.

Das Rahmenprogramm der Kreisau-Reise 2022 war auch in diesem Jahr sehr vielfältig: In einer szenischen Lesung brachten die SchauspielerInnen Dorothea Baltzer und Robert Atzlinger die Briefe, die Freya und Helmuth James von Moltke in der Zeit seiner Verhaftung in Tegel ausgetauscht hatten, wieder zum Leben. Die Besichtigung der Friedenskirche in Jawor sowie die Führung durch die historische Altstadt von Breslau fanden Anklang bei den Reise-TeilnehmerInnen. Der thematische Schwerpunkt der polnischen Perspektiven und der polnisch-ukrainischen Beziehungen setze sich auch im Rahmenprogramm fort: So konnten die Reise-TeilnehmerInnen in der multimedialen Ausstellung „Breslau 1945-2016“ im Zentrum für Geschichte „Zajezdnia“ erfahren, wie sich die Stadt Breslau ihre eigene Identität geschaffen hatte. Die Stadtführerin und Breslauerin Renata Bardzik-Miłosz komplettierte die Ausstellung mit ihrer eigenen Familiengeschichte in Breslau. Eingebettet wurde der Besuch der Ausstellung im Anschluss von Historiker und Leiter des Willy-Brandt-Zentrums an der Universität Wrocław, Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz, der diese zugleich in den Kontext deutscher und polnischer Erinnerungsarbeit verortete.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begleitete die Gruppe ebenfalls auf der Rückreise nach Berlin. In der heutigen Rogoźnica wurde die Gedenkstätte Groß-Rosen besucht, ein ehemaliges Konzentrationslager, das 1940 als Nebenlager des KZ Sachsenhausen gegründet und ab 1941 unter eigener Verwaltung stand. Das Konzentrationslager Groß-Rosen mit seinem Steinbruch, in dem die Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. ist als eines der schlimmsten Konzentrationslager bekannt.

Die vielfältigen Vorträge, Besichtigungen und kulturellen Aktivitäten gaben auch in diesem Jahr Anlass für angeregte Gespräche. Viele Reise-TeilnehmerInnen hatten bereits während der Vorstellungrunde erwähnt, dass sie sich auf den Austausch – egal ob bekannte oder unbekannte Gesichter – freuten. Neben der Möglichkeit mit vielen Menschen in den Dialog zu treten, bildete die Reise nach Kreisau auch „eine einzigartige Gelegenheit zur Wiederaufladung der eigenen Batterien für den europäischen Gedanken“, konstatierte ein Teilnehmer der Kreisau-Reise.

 

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