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„Bleiben wir miteinander in Dialog und leben wir das, was uns der Kreisauer Kreis gezeigt hat: In Vielfalt eine gemeinsame Zukunft gestalten“

aus dem Grußwort von Claudia Roth, MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien

Können wir Kreisau? Dialogfähigkeit in Zeiten bedrohter Demokratien

Veranstaltungsbericht

 ‚Können wir Kreisau?‘, ist eine Frage, die aktueller kaum sein konnte, so Helmuth Casper von Moltke in seiner Eröffnungsrede zur Veranstaltung Können wir Kreisau? Dialogfähigkeit in Zeiten bedrohter Demokratien, die am 1. Juni in der vollbesetzten Friedrichstadtkirche in Berlin stattfand. Vor 80 Jahren, Pfingsten 1942, fand das erste Treffen des Kreisauer Kreises statt. Helmuth Casper von Moltke, damals fünfjährig, erinnert sich an dieses Treffen: 26 Personen setzten sich über konfessionelle, politische und soziale Gräben hinweg, um gemeinsam über eine neue Zukunft zu diskutieren. Sie strebten, so Moltke, nach gesamteuropäischen Lösungen und waren Vordenker des vereinten Europas. Auch heute und in einem demokratischen Staat gehe es darum, Differenzen zu überwinden und die Dialogfähigkeit in Gang zu bringen. Das sei, so Moltke, auch Ziel dieser Veranstaltung.

Für Claudia Roth, MdB und Staatsministerin für Kultur und Medien, die mit einem digitalen Grußwort zugeschaltet war, beinhaltet ‚Können wir Kreisau?‘ viele Fragen: Sind gemeinsame Grundsätze bei ungleicher Meinung möglich? Können wir Demokratie? Können wir Widerstand? Und kann man bei Bedrohung dialogbereit sein? Eine lebendige Demokratie lebe, so Roth, von unterschiedlichen Meinungen. Sie lebe zugleich jedoch auch von der Fähigkeit miteinander in Dialog zu treten, wie die Widerstandskämpfer Bonhoeffer und Moltke es bereits vor 80 Jahren taten. „Bleiben wir miteinander in Dialog und leben wir das, was uns der Kreisauer Kreis gezeigt hat: In Vielfalt eine gemeinsame Zukunft gestalten“, fordert Roth und appelliert damit an das europäische und demokratische Vermächtnis des Kreisauer Kreises.

Nach den Grußworten Helmuth Casper von Moltkes und Claudia Roths, hielt Dr. Peter Frey, Journalist und Chefredakteur des ZDF, einen einführenden Vortrag. Abgrenzen oder Ausgrenzen?, ist eine Frage, die sich Frey schon oft gestellt hat und der er in diesem Vortrag nachgeht. Frey ist der Meinung, dass man auch bei undemokratischen Positionen hingehen, hinhören und über eigene Defizite nachdenken müsse. Denn Demokratie gebe es nicht umsonst, so Frey. „Wir müssen sie aktiv verteidigen, wir müssen an ihren Werten festhalten und wenn es nötig ist, müssen wir für sie kämpfen.“

Inwiefern müssen die eigenen Grenzen der Dialogfähigkeit überprüft und überdacht werden, war Pater Klaus Mertes SJ Frage an die Gesprächsrunde, die aus Esther Dischereit, Lyrikerin und Hörstückautorin, Viola von Cramon-Taubadel, Grünen-Politikerin im Europäischen Parlament, Robert Żurek, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Kreisau sowie Dr. Peter Frey bestand. In ihren Antworten nahmen die Podiumsgäste u.a. Bezug auf den Krieg gegen die Ukraine. Die Grenze für Dialogbereitschaft liege für Cramon-Taubadel dort, wo Demokratiefeinde kein Interesse an der anderen Perspektive aufweisen. Doch welcher Platz solle der demokratiefeindlichen Perspektive in der eigenen Berichterstattung zugewiesen werden? Cramon-Taubadel ist der Überzeugung, dass eine Berichterstattung nicht zwischen demokratiefeindlicher und demokratischer Perspektive ausbalanciert werden müsse. Für Frey berge das Verschließen vor der ‚anderen Perspektive‘ jedoch die Gefahr einer vorschnellen Grenzziehung und eines „Vorhangs des Schweigens“.

Einen regen Dialog könne man, so Żurek, hingegen in der Kreisauer Familie erfahren. Seit 30 Jahren setze Kreisau ein Hoffnungszeichen für Dialog und ein friedliches und vereintes Europa und bilde junge Schülerinnen und Schüler in interkultureller Dialogfähigkeit aus.

Die lebhafte Diskussion schloss Mertes mit einem Zitat von Eugen Gerstenmaier, Mitglied des Kreisauer Kreises und späterer Bundespräsident: „Ihr Feld war der Gedanke. Ihre Aufgabe der Entwurf einer neuen rechtsstaatlichen Ordnung. Ihr Wille, die Ideologie des totalen Staates zu überwältigen. Ihr Ziel, Deutschland im Geist des Christentums und der sozialen Gerechtigkeit wieder aufzubauen und in vereintes Europa einzuführen.“ Das sei, so Mertes, heute noch immer aktuell.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion konnten die rund 300 versammelten Gäste bei Wein und Brezeln die Themen der Veranstaltung in kleineren gemütlichen Kreisen vertiefen. Wir blicken auf einen rundum gelungenen Abend zurück und bedanken und bei allen, die zu dem Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben. Unser besonderer Dank gilt allen Rednerinnen und Rednern: Helmuth Caspar von Moltke, Staatsministerin Claudia Roth, Dr. Peter Frey, Viola von Cramon-Taubadel, Esther Dischereit, Dr. habil. Robert Żurek sowie Pater Klaus Mertes SJ Moderator des Podiums. Herzlich bedanken möchten wir uns zudem bei unseren Mitveranstaltern, der Stiftung 20. Juli 1944 und der Evangelischen Akademie zu Berlin sowie bei unseren Partnern, der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, der Kreisau-Initiative e.V. und der Stiftung Adam von Trott.

Hier geht es zu der vollständigen Veranstaltung.

Hier geht es zu dem Grußwort Helmuth Caspar von Moltkes.

Hier geht es zu dem Grußwort Claudia Roths.

Hier geht es zu dem einführenden Vortrag Dr. Peter Freys.

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