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Wir trauern um Sylke Tempel

Ihr kluges biographisches Essay über Freya von Moltke erschien 2011. In das Umfeld unserer Stiftung trat Sylke Tempel schon früher ein, als sie anfing, sich mit ihrer Protagonistin zu beschäf­tigen und Fragen zu stellen. Viele Fragen findet man auch in ihrem Buch – es war ihr Weg, sich Freya von Moltke zu nähern, die sie als Vorbild der Menschlichkeit und der Kraft des Engagements sah. Öfters sind wir zusammen bei Buchvorstellungen aufgetreten: Ich lernte so schätzen und bewunderte sehr ihre Leichtigkeit, komplexe Gedanken einfach zu formulieren, kenntnisreich und engagiert aber nicht verbissen zu argumentieren. Als ich sie zuletzt vor vier Wochen kurz sprach, ahnte ich nicht, dass dies das letzte Treffen sein wird. Am 5. Oktober 2017 starb Sylke Tempel unter tragischen Um­ständen. Sie gehört zu den Opfern des Orkans «Xavier».

Die 54-jährige Politikwissenschaftlerin, Chefredakteurin der Zeitschrift Internationale Politik und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik war eine ausgewiesene Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik und ein gern gehörter Gast in Fernsehsendungen wie Presseclub (WDR) und Kulturzeit (3sat). Sie publizierte in der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine, dem schweizer Magazin Facts, dem österreichischen Profil und dem Berliner Tagesspiegel.

Seit 1994 unterrichtete Sylke Tempel an der Berliner Außenstelle der Stanford University und zu­weilen auch als Visiting Professor am Institute for German Studies der University in Stanford in den USA. Sie war Autorin mehrerer Bücher, darunter waren auch welche für Jugendliche wie Globali­sie­rung, was ist das? (2005) oder Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freund­schaft in Jerusalem. (2003), eine Korrespondenz zwischen einer israelischen und einer palästinen­sischen Schülerin, die mit dem „Quadriga-Preis“ ausgezeichnet wurde.

Silke Tempels Stimme bleibt nun nur noch über Ihre Texte vernehmbar. Dabei bräuchten wir ihre differenzierten Analysen und klaren Worte weiterhin – und in der komplizierten politischen Wirklichkeit vielleicht mehr denn je. Sie wird uns jedenfalls fehlen.

( Agnieszka v. Zanthier )

Aus den Nachrufen in der Presse:

Der Tagesspiegel: „Deutschland, Israel, Amerika: Das war das Dreieck ihrer geistigen und emotiona­len Heimat. (…) Wenn es um Israel ging, scheute sie in der deutschen Öffentlichkeit keine Auseinan­dersetzung. Sie hatte auch keine Scheu, sich damit unbeliebt zu machen, sondern stand zu ihrer Mei­nung und zu ihren Überzeugungen. Jeder, der sie kannte, war beeindruckt von ihrem Intellekt, ihrem Charme und ihrem breiten Wissen. Und von ihrer Lebensfreude, ihrem Witz.“ (Shimon Stein, ehema­liger israelischer Botschafter in Deutschland)

taz. die tageszeitung: „Tempel hatte ein großes Talent und auch einen gewissen missionarischen Eifer, den Menschen nahe zu bringen, wie die Dinge international zusammenhängen. Sie war eine eloquente und engagierte Welterklärerin. Deswegen arbeitete sie auch so gern mit jungen Leuten, unterrichtete an der Berliner Außenstelle der Stanford University und hat eine ganze Reihe von Jugendbüchern geschrieben. (…) Sylke Tempel kannte sich in Nahost, Europa und den USA sehr gut aus, aber ihre eigentliche Stärke lag darin, über den Tellerrand regionalen Expertentums hinaus­blicken zu können – eine seltene Eigenschaft unter Journalisten und Wissenschaftlern. Sie zeichnete sich außerdem dadurch aus, dass sie ein untrügliches Gefühl dafür hatte, was richtig und was falsch ist.“

Sylke Tempel, © Stephan Röhl/Heinrich-Böll-Stiftung 

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